Forensik

 

Forensik (die):

[lat.: forum; „Forum, Marktplatz“, da Gerichtsverfahren, Untersuchungen, Urteilsverkündungen sowie der Strafvollzug im antiken Rom öffentlich und meist auf dem Marktplatz durchgeführt wurden]

Forensik ist ein Sammelbegriff für wissenschaftliche und technische Arbeitsgebiete, in denen z. B. kriminelle Handlungen systematisch untersucht werden. Umgangssprachlich wird auch eine Klinik für Forensische Psychiatrie oft verkürzend als Forensik bezeichnet, vor allem wenn diese einen Maßregelvollzug hat.

Als berühmter Pionier der Forensik gilt Joseph Bell, das historische Vorbild der Romanfigur Sherlock Holmes. Ein weiterer Pionier war auch Archibald Reiss.


Untergebiete der Forensik

1. Rechtsmedizin

Die Rechtsmedizin, auch forensische Medizin oder Gerichtsmedizin genannt, umfasst die Entwicklung, Anwendung und Beurteilung medizinischer und naturwissenschaftlicher Kenntnisse für die Rechtspflege sowie die Vermittlung arztrechtlicher und ethischer Kenntnisse für die Ärzteschaft.

Aufgabenbereiche und Abgrenzungen

Die Aufgaben- und Forschungsbereiche der Rechtsmedizin sind

  • Thanatologie (z. B. Leichenschau bei außergewöhnlichen Todesfällen)
  • forensische Traumatologie
  • Toxikologie
  • Drogenforschung und -diagnostik (Alkohologie)
  • forensische Molekularbiologie (etwa DNA-Untersuchungen)
  • forensische Sexualmedizin
  • Verkehrsmedizin und -psychologie
  • Glaubhaftigkeitsbeurteilungen aus medizinischer und forensischer Sicht
  • medizinische Begutachtungskunde
  • Behandlungsfehlergutachten
  • Abstammungsgutachten
  • Versicherungsmedizin (etwa Verletzungsgutachten)
  • Fotografie und Neue Medien (Streifenlichttopometrie)
  • Informationstechnologie und -management

Interdisziplinär gibt es auch in anderen Studiengängen als der Humanmedizin Vorlesungen in Rechtsmedizin, etwa für Zahnmediziner oder Juristen.

MERKE!

Die Gleichsetzung von Rechtsmedizinern mit Pathologen durch Roman- und Drehbuchautoren beruht in der Regel auf einem weit verbreiteten Irrtum: Der Pathologe ist ein Facharzt − allein diese Tatsache berechtigt ihn jedoch nicht zur Teilnahme an gerichtlich angeordneten Leichenöffnungen. Pathologen führen in der Regel zwar auch Obduktionen durch, jedoch nur mit Einverständnis der Angehörigen, nachdem ein nicht-natürlicher Tod, also ein Mord, Suizid oder Unfalltod, ausgeschlossen wurde. Rechtsmediziner hingegen werden im Auftrag der Staatsanwaltschaft oder eines Gerichtes tätig und Obduktionen bedürfen hier gerade nicht des Einverständnisses der Angehörigen. Die rechtsmedizinische Leichenschau (dies umfasst die äußere Leichenschau und die anschließende Leichenöffnung, auch als innere Leichenschau bezeichnet) dient der Klärung

  • der Todesursache
  • der Todesart (natürlich oder nicht natürlich)
  • der Identität des Opfers, falls diese nicht geklärt ist
  • des Todeszeitpunktes, was ab einer gewissen Liegezeit nicht mehr genau möglich ist

Eine solche angeordnete Leichenschau wird nach Vorschriften der Strafprozessordnung immer zu zweit durchgeführt, von mindestens einem Rechtsmediziner und ggf. einem weiteren Arzt, nicht aber von einem Arzt, der einer Abteilung für Pathologie der öffentlichen Krankenhäuser angehört. Der geläufige Irrtum erklärt sich aus einer Fehlübersetzung: Im amerikanischen Sprachgebrauch entspricht der Rechtsmediziner dem „forensic pathologist”.

Wird der Rechtsmediziner im Auftrag einer Ermittlungs- oder Gerichtsbehörde tätig, wird ihm in der Regel die Funktion eines Sachverständigen übertragen. In der Schweiz kann der entsprechende Auftrag namentlich auch von einem Organ der Militärjustiz erteilt werden (Art. 85 ff. MStP).

1.1. forensische Traumatologie

ist ein Teilgebiet der Rechtsmedizin, das sich mit körperlichen Verletzungen befasst

1.2. forensische Entomologie

versucht, Todesumstände durch die Interpretation von Insektenfunden auf und in Leichen zu ermitteln

1.3. forensischen Toxikologie

dient dem Nachweis von Giften

1.4. forensische Serologie

beschäftigt sich mit der Auswertung von Blutspuren und anderen Sekreten und Stoffen

1.5. forensische Osteologie

identifiziert Personen anhand des Skeletts

1.6. forensische Odontologie

identifiziert Personen anhand des Zahnsystems


2. Kriminaltechnik

Die forensische Kriminaltechnik gibt es in Deutschland meist als eigenes Institut eingegliedert in die Strukturen des Bundeskriminalamts bzw. der Landeskriminalämter. Sie besteht fast einheitlich in allen Bundesländern aus folgenden Bereichen (alphabetisch gelistet):

2.1. Ballistik

In der forensischen Ballistik werden Geschosse verglichen (zum Beispiel mit einem Vergleichsmikroskop) und Geschosswirkungen beurteilt. Die Ballistik befasst sich mit der Aufklärung von Delikten, die mit Schusswaffen begangen werden.

2.2. Computer- / IT-Forensik

Die IT-Forensik verwendet Software zur Ermittlung allgemeiner krimineller Handlungen und speziell zur Aufdeckung von Computerkriminalität bzw. Kriminalität im Mobiltelefon-Sektor.

2.3. Daktyloskopie

Die forensische Daktyloskopie wertet Fingerabdrücke aus.

2.4. Formspuren

Im Bereich Formspuren werden alle Arten von Abdrücken untersucht, wie beispielsweise eine Schuhspur bzw. ein Profil einer Schuhsohle.

2.5. Linguistik

Die forensische Linguistik untersucht geschriebene Sprache auf einen kriminologischen Aspekt hin (zum Beispiel bei der Feststellung des Urhebers eines Erpresserbriefes). Forensische Untersuchungen von Handschriften zur Urheberidentifizierung oder zum Nachweis von Unterschriftsfälschungen erfolgen durch Schriftvergleichung.

2.6. Phonetik

Die forensische Phonetik beschäftigt sich mit gesprochener Sprache (also etwa einem Erpresseranruf). Sie wendet phonetisches Wissen auf die Untersuchung von sprechertypischen Stimm- und Sprecheigenschaften eines Täters an.

2.7. Toxikologie / Serologie

Im Bereich der forensischen Toxikologie und der forensischen Serologie überschneiden sich die Aufgabenstellungen mit den Aufgaben der Rechtsmedizin. Auch hier wird sich mit Blutspuren, der DNA und anderen Sekreten sowie Stoffen beschäftigt. Die Auftraggeber sind Staatsanwälte, Gerichte und Polizeidienststellen. Zu fast jeder Aufgabenstellung muss von den so genannten forensischen Sachverständigen ein Gerichtsgutachten verfasst werden.

Zweck der Analyse verschiedener körpereigener Materialien

Material Analyse auf
Blut BAK, Drogen, Medikamente
Speichel DNA-Merkmale (meist Vergleichsmaterial)
Urin Drogen, Medikamente
Haare (meist Kopfhaare, selten Schamhaare) Drogen (rückblickende Analyse)
Abstriche (Vagina, After, Mund, Penis, Haut) Sperma-, Speichelgehalt, DNA-Merkmale

 


3. Psychiatrie und Psychologie

Die forensische Psychiatrie befasst sich mit der Schuldfähigkeit und der Einschätzung des Gefährlichkeitsgrades von Straftätern sowie deren Behandlung. Forensische Psychiatrie ist mittlerweile eine Schwerpunktbezeichnung, die von Fachärzten für Psychiatrie erworben werden kann. Sie schließt andere Zweige der Begutachtung, beispielsweise das Sozialrecht, und die Behandlung im Maßregelvollzug ein.

Die Rechtspsychologie ist eine mögliche mehrjährige Weiterbildung für Psychologen. Sie unterstützt, wie die forensische Psychiatrie, die Begutachtung der Schuldunfähigkeit von Angeklagten und solche der Gefährlichkeit von Straftätern. Darüber hinaus unterstützt sie Begutachtungen der Glaubwürdigkeit von Zeugen und vor allem Begutachtungen im Familienrecht, insbesondere bei Entscheidungen im Sorgerecht. Sie beschäftigt sich aber auch mit Prävention sowie fachlicher Information von nicht-psychologischem Fachpersonal (zum Beispiel Staatsanwälten, Richtern, Sozialarbeitern). Für alle Bereiche ist die Rechtspsychologie stärker als die Psychiatrie in Forschung involviert, wobei hier naturgemäß psychologische Themen im Vordergrund stehen (wie systematische Verzerrungen bei richterlichen Entscheidungsprozessen, Wahrnehmungsfehler bei der Identifikation von Verdächtigen durch Zeugen und ähnliches). Die Rechtspsychologie erarbeitet und veröffentlicht vor allem Ergebnisse von rechtspsychologischer Grundlagenforschung.


Institutionalisierung

In Deutschland gibt es einunddreißig universitäre Institute für Rechtsmedizin, in Österreich vier (Gerichtsmedizin) und in der Schweiz sechs.

Daneben gibt es in Deutschland städtische Institute für Rechtsmedizin, etwa in Bremen, Dortmund und Duisburg, sowie das Brandenburgische Landesinstitut für Rechtsmedizin in Potsdam und das Landesinstitut für gerichtliche und soziale Medizin Berlin.


Geschichte

Die erste systematische Ausarbeitung zur Rechtsmedizin sind die Questiones medico-legales des römischen Arztes Paolo Zacchia (1584 – 1659). Im Jahr 1532 findet man in der „Peinlichen Halsgerichtsordnung“ (Constitutio Criminalis Carolina) Karls V. Hinweise auf die Zuziehung von Ärzten bei der Entscheidung medizinischer Fragen in der Rechtsprechung. Der Züricher Stadtrat ließ ab dem 16. Jahrhundert verletzte oder getötete Personen regelmäßig durch die Vorsteher der Gesellschaft der Bader und Chirurgen, die „fünf geschworenen Meister“, besichtigen. Im 19. Jahrhundert legten Ambroise Tardieu, Johann Ludwig Casper und Carl Liman die Fundamente für die moderne Rechtsmedizin als empirisch fundierte Wissenschaft. In Freiburg (Breisgau) war „Medicina legalis“ seit der Mitte des 18. Jahrhunderts durch eigene Vorlesungen vertreten. 1804 wurde in Wien die erste Lehrkanzel für „Staatsarzneykunde“ oder für „Gerichtliche Medizin und Medizinische Polizei“ im deutschsprachigen Raum eingerichtet.